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22.3.2017 - Günther Hörbst

Brexit und die Folgen für die Transportwirtschaft

Maritime Wirtschaft und Logistik
Was bedeutet der Brexit für den Logistikstandort Bremen?

Welche Auswirkungen hat der nahende EU-Austritt auf die Logistikbranche? Günther Hörbst, Geschäftsführer der Via Bremen Foundation über wirtschaftliche Verflechtungen zwischen Großbritannien und der EU.

Containerumschlagplatz
Großbritannien ist für den Standort Bremen einer der bedeutendsten Handelspartner © WFB/Jens Lehmkühler

In der Nacht nach der Brexit-Entscheidung der Briten im Juni 2016 veröffentlichte Google eine denkwürdige Statistik: Das Internetunternehmen gab an, welche Suchbegriffe von den Briten am häufigsten eingetippt wurden. Auf Platz 1: „What does it mean to leave the EU?“ Auf Platz 2: „What is the EU?“ Das sagt zweierlei aus über diese Entscheidung. Zum einen: Fakten haben während der Brexit-Kampagne offensichtlich kaum eine Rolle gespielt. Zum anderen: Die Briten umgab eine spektakuläre Sorglosigkeit bei dieser Entscheidung. Denn wie eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung Deloitte zeigt, sind die wirtschaftlichen Verflechtungen der Briten mit Europa deutlich größer als bisher angenommen - von den fiskalischen Zusammenhängen ganz zu schweigen. Deutsche Großunternehmen beschäftigen auf der Insel rund 400.000 Mitarbeiter – gut ein Viertel davon (96.000) sind dabei in der Logistik- und Verkehrswirtschaft beschäftigt. Der Umsatz der deutschen Unternehmen in Großbritannien betrug 2016 mehr als 150 Milliarden Euro. Rund 40 Milliarden Euro davon entfallen auf die deutsche Automobilindustrie. Laut den Deloitte-Zahlen ist Großbritannien mit 89 Milliarden Euro der drittwichtigste Exportmarkt Deutschlands.


Folgen für die Automobilindustrie?

Und auch für den Standort Bremen ist Großbritannien ein bedeutender Handelspartner. Das Statistische Landesamt nennt die Zahl von 2,6 Milliarden Euro, die in Form von Waren nach UK geliefert oder von dort bezogen wurden. Den größten Anteil am Export haben dabei Fahrzeuge mit gut 60 Prozent. Das verdeutlicht die Bedeutung des Autohubs Bremerhaven für die Handelsbeziehungen mit Großbritannien. In diesem Bereich rechnen die Experten auch am ehesten mit negativen Auswirkungen für die Transportwirtschaft. Immerhin ist Bremen mit dem weltweit größten Produktionsstandort von Mercedes, der ihn umgebenden Zulieferindustrie, den Verteil- und Veredelungszentren sowie dem größten europäischen Autohub, über den jährlich rund 2,5 Millionen Fahrzeuge bewegt werden, einer der bedeutendsten Standorte dieser Industrie weltweit.

Fahrzeuge bilden mit 60 Prozent das größten Anteil an Exportgut nach Großbritannien
Fahrzeuge bilden mit 60 Prozent das größten Anteil an Exportgut nach Großbritannien © WFB/Frank Pusch

Christian Kille, Logistik-Professor an der Hochschule Würzburg, sieht auch in der Fusion von PSA und Opel Auswirkungen auf die Logistik. Seiner Einschätzung nach könnten Opelstandorte in Großbritannien (Vauxhall) unter Synergieeffekten leiden, was zu geringeren Transportaufkommen führen könnte. Zudem steuert der Logistikdienstleister DSV für den US-Autobauer GM vom Bremer Güterverkehrszentrum GVZ aus zentral die Teilelogistik des Konzerns. Insgesamt aber, so ist das Urteil des renommierten Logistikexperten, wird der Brexit zu keinen ernsthaften Einbrüchen im Automobilgeschäft der Logistiker führen.

Insgesamt wird der Brexit zu keinen ernsthaften Einbrüchen im Automobilgeschäft der Logistiker führen.

 

                                                                                                                                                                                                                                                                                                     Christian Kille, Logistik-Professor an der Hochschule Würzburg

Bleiben wir noch ein wenig bei den harten Fakten. Auch die geben aktuell wenig Anlass zur Sorge. Der Logistik-Indikator aus dem vierten Quartal 2016 der Bundesvereinigung Logistik BVL weist den besten Wert seit September 2011 auf. Anders ausgedrückt: In der Logistik- und Verkehrswirtschaft herrscht aktuell Hochstimmung – trotz Brexit, Trump und den Unsicherheiten durch die anstehenden Wahlen in Frankreich und Deutschland. Selbst die Containerreedereien sind nach ungezählten Jahren wieder guter Dinge: Denn derzeit gibt es mehr Aufträge als Platz auf den Schiffen. Die Linienreeder arbeiten bei Exporten aus den Nordhäfen Richtung Asien mit Ratenaufschlägen, nicht selten bleiben Container sogar auf der Kaje stehen.


Der Protektionismus als Sorgenkind

Die größte Sorge für den Wirtschaftssektor Logistik gilt dem aufkommenden Protektionismus. Der Brexit und vor allem die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten („America first“) haben jene Gruppierungen stark gemacht, die in der Globalisierung mehr Schaden als Nutzen sehen. Dieser Trend zum Nationalen könnte mittelfristig zu höheren Zöllen und zu Einfuhrbeschränkungen führen. All das würde global betrachtet auch die Transportwege beschneiden – und im schlimmsten Fall könnte es dazu führen, dass durch höhere Preise auch die Konsumneigung zurückgeht. All das würde dann zu einem Rückgang von benötigten Gütern führen, mit entsprechend negativen Auswirkungen auf die Logistik- und Transportwirtschaft. Das ist freilich nur ein Szenario. Niemand weiß, ob es wirklich so kommen wird.

Tatsächlich ist es so, dass selbst bei einem sogenannten „harten Brexit“ – also einem kompletten Ausstieg Großbritanniens aus den Vereinbarungen mit der EU – die Übergangszeit zwei Jahre betragen würde. Und dann würden mindestens drei weitere Jahre folgen, bis Großbritannien neue bilaterale Verträge ausgehandelt hat. Wir reden also über einen Zeitraum von rund fünf Jahren, für den unmögliche konkrete Auswirkungen vorhergesagt werden können.

Günther Hörbst, Geschäftsführer von VIA Bremen

Zur Person

Günther Hörbst ist seit 1. Juli 2016 Geschäftsführer der Via Bremen Foundation, der Standortmarketing-Plattform der Logistik- und Hafenwirtschaft in Bremen und Bremerhaven. Seit 1. April 2016 ist er zudem Geschäftsführer der Bremischen Hafenvertretung BHV. Hörbst ist diplomierter Politikwissenschaftler und hat 20 Jahre lang in unterschiedlichen Leitungsfunktionen bei regionalen und überregionalen Medien gearbeitet, zuletzt war er Chefredakteur der Deutschen Verkehrs-Zeitung DVZ.



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