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6.12.2017 - Jann Raveling

Wenn Windkraftanlagen in Rente gehen

Windenergie
Bundesweit einmalige Anlage zur Glasfaser-Kunststoff-Verwertung von Rotorblättern in der Windkraftindustrie

In einem mehrstufigen Verfahren zerteilt und mischt die Anlage GFK und Papierspuckstoffe zum Rohstoff für die Zementproduktion
In einem mehrstufigen Verfahren zerteilt und mischt die Anlage GFK und Papierspuckstoffe zum Rohstoff für die Zementproduktion © WFB/Raveling

Wo wir mit 20 Jahren erwachsen werden, gehen Windkraftanlagen meist in Rente: Entweder werden sie nach zwei Jahrzehnten gebraucht weiterverkauft oder am Ende ihrer Lebensdauer demontiert. Während Turm und Gondel aus Beton und Stahl bestehen und einfach entsorgt werden können, ist die fachgemäße Entsorgung von Rotorblättern bis vor kurzem unmöglich gewesen.

Denn die Flügel bestehen zu großen Teilen aus glasfaserverstärktem Kunststoff (GFK). Auf Deponien verrottet er nicht, gleichzeitig kann er nicht verbrannt werden, da die feinen Fasern Filter in Verbrennungsanlagen verstopfen. Bisher war die Entsorgung von Rotorblättern kein großes Thema, denn der Bauboom in der Windkraftindustrie begann Anfang der 2000er – um 2020 werden die ersten Parks das Ende ihres Lebensdauer erreicht haben und der Bedarf an Entsorgung wachsen.

neocomp recycelt glasfaserverstärkte Kohlenstoffe

Für diese Zeit hat sich Hans-Dieter Wilcken jetzt schon vorbereitet. Der Geschäftsführer des bremischen Entsorgers Nehlsen hat mit dem Unternehmen „neocomp Gmbh“ die bundesweit einzige Anlage zur Glasfaser-Wiederverwertung aufgebaut. „Die Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Abfall (LAGA) hat unser Verfahren zum Stand der Technik erklärt – das ist eine besondere Anerkennung für uns“, ist der Bremer stolz. Eine Wertschätzung ebenso wie der renommierte Umweltpreis GreenTec Award, den das vor zwei Jahren gegründete Unternehmen im Herbst 2017 gewann.

Marktvorteile sichern

„In der Abfallwirtschaft ist es eine besondere Herausforderung, neue Verfahren zu entwickeln“, erläutert Wilcken weiter. Die Konkurrenz sei groß, der Preiskampf hart und die abfallrechtlichen Hürden hoch. Neue Verfahren hätten es da schwer, gegen Bewährtes zu bestehen. Besondere Umweltfreundlichkeit könne da ein Zünglein an der Waage sein, so Wilcken. Denn gerade in der „grünen“ Branche Windkraft achten Hersteller vermehrt auf umweltfreundliche Lieferketten – bis hin zur Entsorgung.

Nehlsen-Geschäftsführer Hans-Dieter Wilcken mit dem Endprodukt aus der GFK-Verwertung
Nehlsen-Geschäftsführer Hans-Dieter Wilcken mit dem Endprodukt aus der GFK-Verwertung © WFB/Raveling

Rotorblattrecycling: Aus Glas mach Zement

Bei neocomp geht es mit „brachialer Gewalt“ zu, wie Wilcken bei einem Rundgang erklärt. Herz der Anlage ist ein großer Schredder, der die Glasfaserteile stufenweise auf Papierschnipselgröße zerkleinert. Danach vermischt er sie mit sogenannten Papierspuckstoffen. Das sind Reste aus der Altpapierentsorgung, die dort nicht verarbeitet werden können, etwa Kunststoffaufkleber, Plastikbänder oder Verpackungen. Aus der Mischung entsteht ein feines Granulat, ein idealer Zusatzstoff für die Zementherstellung. Ein Zementwerk im schleswig-holsteinischen Lägerdorf verarbeitet die Bremer Mischung weiter. Im Zement wird die GFK-Mischung chemisch gebunden, es bleiben keine erkennbaren Rückstände zurück. Der Wertstoffkreislauf ist perfekt.

Anlage für den bundesweiten Bedarf ausgelegt

Das junge Unternehmen mit seinen sechs Mitarbeitern kann derzeit 30.000 Tonnen Glasfasern pro Jahr verarbeiten. Das ist deutlich mehr als bisher an Abfallstoffen in der Windkraftindustrie anfällt. „Mit unserer Anlage können wir den bundesweiten Bedarf auch in den kommenden Jahren decken“, so Wilcken. Um wirtschaftlich zu arbeiten, nimmt neocomp deshalb auch GFK-Reste aus anderen Branchen entgegen – wie etwa aus der Baustoffindustrie oder dem Maschinen- und Fahrzeugbau.

Internationale Aufmerksamkeit erregt

Die umweltfreundliche Entsorgung von GFK-Teilen hat sich mittlerweile rumgesprochen. Ein dänischer Windkraftanlagenhersteller hat neocomp als Entsorgungspartner ausgewählt – trotz geringfügig höherer Kosten als der in Dänemark erlaubten Deponielagerung. „Wir streben in Zukunft Kooperationen mit allen großen Herstellern an, dafür bieten wir neben der umweltfreundlichen Entsorgung auch die fachgemäße Zerlegung vor Ort an“, so Wilcken.

Start-up-Charakter treibt Innovation bei Nehlsen voran

Für Nehlsen ist der Aufbau eines Start-ups wie neocomp ein wichtiger Schritt, um Wettbewerbern einen Schritt voraus zu sein. „So können wir neue Verfahren schnell an den Markt bringen, der Start-up-Charakter hilft uns, dynamisch zu sein. Unser Ziel ist es, dafür zu sorgen, dass Abfälle vermieden werden – idealerweise gar nicht mehr anfallen“, wünscht sich Wilcken. Und das nächste Material mit hohem Entsorgungs-Schwierigkeitsgrad hat er auch schon im Visier – kohlefaserverstärkte Kunststoffe (CFK).


Welche Unternehmen in Bremen und Bremerhaven die Windkraft ausmachen, das erfahren Sie in unserem Artikel "10 Windenergieunternehmen in Bremen – von hier weht der Wind!"


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Näheres zur Windkraft gibt es bei Dieter Voß, Der Senator für Wirtschaft, Arbeit und Häfen, Abteilung Industrie, Innovation, Digitalisierung, T +49 (0) 421 9600-328, dieter.voss@wah.bremen.de

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