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31.3.2017 - Jann Raveling

Das Windrad zum Nachbau – wie Horst Crome die Welt mit Windenergie versorgt

Windenergie
Windkraftanlagen selbst bauen mit dem KUKATE-Konzept

3D-Zeichnung einer Windkraftanlage KUKATE von Horst Crome
3D-Zeichnung einer Windkraftanlage KUKATE von Horst Crome © Horst Crome

Er konstruierte den ersten Rotorflügel für den Windkraftgiganten Enercon. Er war Versuchsflugingenieur im ersten Airbus A300. Er fuhr zur See und bildete Generationen an Bremer Berufsschul- und Physiklehrern aus. Und er entwarf eine tausendfach gebaute Windkraftanlage, die abgelegene Regionen weltweit mit Energie versorgt. Heute sieht man Horst Crome seine 72 Jahre nicht an - seine Begeisterung und eine Leidenschaft für den Wind dringen hingegen aus jeder Körperzelle.

Geweckt wurde sie im Zuge der Anti-Atomkraftbewegung in den 1980er Jahren. „Wir haben damals bei fossiler und nuklearer Stromerzeugung von Sackgassenenergien gesprochen“, erinnert sich Crome heute. Als studierter Physiker und Maschinenbauer wollte er Lehramtsstudierenden und Schülern eine Alternative in den regenerativen Energien aufzeigen.

KUKATE - Windkraft zum Selbstbauen

Der Rest ist sozusagen Geschichte. Auf dem Weg nach Dänemark entdeckte er 1980 in Schleswig-Holstein eine Windenergieanlage, die an die Windräder aus den us-amerikanischen Western erinnerte. Einfach konstruiert war die robuste Anlage schon seit Jahrzehnten in Betrieb. Die Neugier war geweckt. Auf dieser Grundlage konstruierte er eine einfache und wartungsarme Windkraftanlage, deren Prototyp auf dem Werkhof Kukate im niedersächsischen Wendland erstmals errichtet wurde und so ihren Namen erhielt.

Aufgestellte Kleinwindkraftanlage im Eigenbau
Aufgestellte Kleinwindkraftanlage im Eigenbau © Horst Crome

Tausendfach weltweit gebaut

Aus dem Prototypen ist heute eine tausendfach bewährte Anlagenreihe geworden. Für verschiedene Größen bis sieben Meter Rotordurchmesser entworfen, drehen sich KUKATEs heute in aller Welt. Viele davon in armen und abgelegenen Gegenden. Alle Bauteile lassen sich mit handwerklichem Wissen um Metallbearbeitung herstellen und zusammensetzen und erfordern keine Spezialwerkzeuge. Die maximale Windausbeute im Jahr beträgt ca. 5.000 kWh – genug um in Deutschland ein großes Einfamilienhaus für ein Jahr zu versorgen. Oder eine leistungsfähige Wasserpumpe zu betreiben.

Das komplexeste Teil – der Flügel – wird dabei aus einem Aluminium-Profil hergestellt, der auf Bestellung geliefert wird. „Sollte ein Import der Flügel in das Zielland aber nicht möglich sein, können auch genau gebogene Bleche verwendet werden. Deren Wirkungsgrad ist erstaunlich hoch im Vergleich zum Originalprofil“, so der Professor.

Energie für alle – erschwinglich durch Eigenbau

Diese Vielseitigkeit macht den Erfolg von KUKATE aus. Und die geringen Kosten: Mit seinem Buch „Handbuch Windenergietechnik“ hat er eines der Standardwerke zu Kleinwindkraftanlagen geschrieben, das in viele Sprachen übersetzt wurde. Frei erwerbbare Computerprogramme helfen Selbstbauern bei der Konstruktion. Eine Anlage entsteht so mit minimalen Mitteln, auch, weil die Patente frei verfügbar sind. Kosten fallen nur durch Erwerb der Flügelprofile und deren Transport an.

Hilfe zur Selbsthilfe, die möchte Horst Crome geben. „Von Menschenhand zu transportieren und aufzustellen, keine störanfällige Elektronik und Hydraulik, robust und widerstandsfähig gegen Sturm und Hagel, darum geht es beim KUKATE-Konzept. Die Windräder sollen Energie günstig und nachhaltig für jeden verfügbar machen“.

Freude am Lehren

Andere zu begeistern und anzuleiten, diese Leidenschaft begleitet Crome sein Leben lang. Noch als junger Physiker in der Industrie erhielt er von der Bremer Schulbehörde in den 80er Jahren das Angebot, sein Wissen als Lehrer, Ausbilder und später Professor weiterzugeben – und schlug zu. In unzähligen Projekten mit Schülern, Studenten oder Arbeitsuchenden hat er Menschen an die Windkraft herangeführt. Mit dem vom Senator für Arbeit geförderten Testfeld für Kleinwindkraftanlagen im Werderland baute er in den 1980er Jahren einen der Grundsteine der heutigen Bremer Windenergiebranche und –forschung auf. In vielen Studien- und Examensarbeiten verbesserten Studierende das KUKATE-Konzept stetig. Eine weitere Grundlage für den Erfolg der Anlage. „Wenn man 30 Jahre ein Konzept verfolgt, dann ist es irgendwann perfekt“, sagt Crome lachend. Eines wird deutlich: Der Erfolg ist nicht allein sein Verdienst, sondern derer vieler schlauer Köpfe, die Crome ausgebildet hat. Gemeinsam schafft man mehr.

Horst Crome mit selbstentworfenem Rotorflügel
Horst Crome mit selbstentworfenem Rotorflügel © WFB/Raveling

Globale Probleme im Blick

Ans Aufhören denkt der 72-jährige noch lange nicht. Weder bei der Schreibtischarbeit in seinem Büro in der Hochschule – er hält dort zwei Module im Wintersemester ab – noch in der „praktischen Arbeit“: Neuestes Beispiel ist das Projekt „Open Windpump“. Crome ist Teil eines Projektteams, das eine detaillierte Anleitung zum Eigenbau einer Kleinwindkraftanlage mit angeschlossener Wasserpumpe erstellt. Von der Aufrisszeichnung aller Bauteile bis zur Schritt-für-Schritt-Foto- und Filmdokumentation werden alle Informationen frei verfügbar und in mehreren Sprachen übersetzt zugänglich sein. Organisationen der Entwicklungshilfe können so die Wasserversorgung weltweit mit Mitteln vor Ort verbessern. „Es bringt nichts, Hochtechnologie in entlegene Regionen zu bringen, die dort schnell ausfällt, weil sie wartungsintensiv ist. Was dort gebraucht wird, ist Technologie auf dem Niveau von Landmaschinentechnik, ausgefeilt, effizient und gleichzeitig robust und wartungsarm. Windkraft stößt dort auf hohe Akzeptanz, sie ist greifbar und leicht erklärbar“, so Crome. Erprobt werden soll der Prototyp im Emsland bevor er sich zunächst in Uganda bewähren soll.

Außerdem arbeitet er gerade an einem Konzept, um Windkraft, Solaranlage und Energiespeicher zusammenzubringen, um für Elektroautos eine individuelle, autarke Stromversorgung zu schaffen. Auch privat lässt ihn der Wind nicht los: Als begeisterter Hobbysegler ist er im Sommer auf Seen und Meeren unterwegs. „Der Wind, das ist meine Lebensaufgabe, ich möchte Unsichtbares sichtbar machen und die Achtung vor der Naturgewalt Wind heben“, erzählt er mit Blick auf sein Lebenswerk.

Mehr zu seinen Windkraftanlagen unter: www.windenergie-technik-crome.de


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Näheres zu Förderprogrammen für die Windkraft gibt es bei Dieter Voß, T +49 (0) 421 9600-328, dieter.voss@wfb-bremen.de

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