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17.5.2016 - Jann Raveling

Wie zwei Bremerinnen das größte Straßentheaterfestival Deutschlands auf die Beine stellen

Kreativwirtschaft
Bühne frei für zweifellos.net

Kathrin Bahr (hinten) und Julia von Wild (vorne) von zweifellos.net
Kathrin Bahr (hinten) und Julia von Wild (vorne) von zweifellos.net © zweifellos.net

6 Tage, 47 Künstlergruppen, 300 Shows und 200.000 Besucher. Das tête-à-tête im badischen Rastatt Ende Mai 2016 ist das größte Straßentheaterfestival Deutschlands. Und alles wird organisiert von zwei Bremerinnen: Julia von Wild und Kathrin Bahr. Zusammen sind sie zweifellos.net. Das tête-à-tête findet alle zwei Jahre statt, aber durch den Wechsel der künstlerischen Leitung 2015 nach Bremen verkürzte sich die Vorbereitungszeit der beiden auf eins. Das alles im dritten Jahr ihrer Selbstständigkeit, eine Riesenaufgabe. Ein Gespräch über den Weg in die Selbstständigkeit und darüber, wie man mit seinen Aufgaben wächst.

Sie kennen sich seit zwölf Jahren - wie zweifellos waren Sie beide, als sie sich 2012 selbstständig machten?

Julia von Wild: Wir haben uns tatsächlich länger mit der Idee getragen, aber als die Entscheidung gefallen war, gab es überhaupt keinen Zweifel mehr. Unser Name spiegelt dies wider.

Was macht Ihre Agentur?

Kathrin Bahr: Wir bieten die Konzeption, künstlerische Leitung und Produktionsleitung für Festivals und Kulturveranstaltungen mit dem Schwerpunkt Straßentheater, vermitteln auf Anfrage Künstler und beraten Institutionen. Neben dem tête-à-tête haben wir im Mai noch das ParkPerPlex in Norderstedt und im August das La Strada im Rothenburg. Die sind aber nicht ganz so groß.

Was reizt Sie an Ihrer Arbeit?

Julia von Wild: Wir arbeiten im kleinen Team in unserem Büro. Die Veranstaltungen, die dabei entstehen sind groß, binden und begeistern viele Menschen. Die Veranstaltungspartner, die Künstler, die Techniker, das Aufbauteam, die freiwilligen Helfer, das Publikum. Diese Energie, die das entfacht, reißt alle mit. Uns auch.

Sie übernehmen das größte deutsche Straßentheaterfestival nachdem es jahrelang in fester künstlerischer Hand war. Und hatten nur die Hälfte der Vorbereitungszeit. Klingt nach einer Mammutaufgabe.

Julia von Wild: Wir haben ja nichts Neues erschaffen, sondern etwas Bestehendes übernommen, das hat es natürlich etwas erleichtert. Wir sind schon seit über zehn Jahren im Bereich Straßentheater unterwegs und kennen uns gut aus. Wir waren auch vorher schon mal in Rastatt und kannten daher die Situation vor Ort.

Wie turbulent ist das vergangene Jahr verlaufen?

Kathrin Bahr: Natürlich war das Jahr eine Herausforderung. 2015 sind wir viel gereist, haben uns Shows angeschaut und das Konzept ausgearbeitet. Die heiße Phase läuft seit Anfang 2016, da haben wir das Programm finalisiert. Die letzten vier Wochen vorm Festival fahren wir nach Rastatt, um von dort aus die letzten Handgriffe zu tun und das Feintuning zu machen. Wir mussten uns erstmal mit dem Organisationsteam, den Strukturen und den Begebenheiten vor Ort in Rastatt auseinandersetzen, das brauchte Zeit.

Gab es Bedenken, ob eine künstlerische Leitung in Bremen für ein Festival in Rastatt funktioniert?

Kathrin Bahr: Ja, aber das klappt inzwischen super. Wir wollen das erfolgreiche Festival natürlich fortführen, aber auch unsere eigenen Ansprüche einbringen. So haben wir etwas andere Schwerpunkte innerhalb des Genres, zum Beispiel wollen wir mehr Neuen Zirkus zeigen und weniger deutsche Comedy. Das ist etwas unkonventioneller und experimentierfreudiger als zuvor, greift neue Trends auf. Natürlich zeigen wir erfolgreiche Shows und die Stars der Szene. Wir wollen eine gute Mischung.

Julia von Wild: Wir wollen das Festival auch weiter nach außen zu öffnen. Nicht nur im touristischen Sinne, sondern auch innerhalb der Straßentheaterszene, wir sind in Netzwerken sehr stark aktiv und haben eine Kooperation nach England geschaffen.

Ihr habt euch auf Straßentheaterfestivals spezialisiert. Was macht das so besonders?

Julia von Wild: Sie finden im öffentlichen Raum statt, der immer etwas unberechenbar ist, aufgrund von Wetter, äußeren Einflüssen und von Publikum. Es hat ja niemand dafür bezahlt, viele kommen einfach vorbei, das macht es spannend.

Kathrin Bahr: Es müssen sich alle Menschen wiederfinden können. Es ist reizvoll, für viele verschiedene Zielgruppen zu arbeiten und das ist ein anderer Reiz als in der Planung von Firmenevents oder Konzerten. Wir schaffen Kulturmehrwert für Menschen, die sonst eher selten in Berührung damit kommen.

Ein Hort für Kreative und Heimat von zweifellos.net: Die Alte Schnapsfabrik in Bremen
Ein Hort für Kreative und Heimat von zweifellos.net: Die Alte Schnapsfabrik in Bremen © WFB/Jens Lehmkühler

Sie haben sich im Zuge der Unternehmensgründung professionell coachen lassen. Dazu nahmen Sie unter anderem am Bremer Förderprogramm für Unternehmensgründungen BRUT der Bremer Aufbaubank BAB teil. Wie wichtig war das für Sie?

Kathrin Bahr: Das war eine ganz wichtige Unterstützung. Das Jahr BRUT hat uns nicht nur finanziell den Einstieg erleichtert, sondern unternehmerisch die Augen geöffnet. Wir sind gestärkt und inspiriert aus dem Coaching hervorgegangen.

Was war die wichtigste Lektion aus dem Förderprogramm?

Julia von Wild: Wir mussten uns mit unserer jeweiligen Rolle im Team auseinandersetzen, das war sehr intensiv aber auch gewinnbringend, da haben wir Grenzen aufgebrochen und uns besser kennengelernt. Das hat uns gestärkt. Ansonsten ganz klar das unternehmerische Denken zu lernen und auch für sich zu akzeptieren. Oft gibt es im künstlerischen Bereich noch Vorurteile gegen unternehmerische Ansätze. Man kann aber künstlerisch arbeiten und gleichzeitig wirtschaftlich denken, das ist kein Verbrechen. Es ist richtig, wenn eine Leistung seinen Preis hat.

Kathrin Bahr: Außerdem der Austausch mit den anderen im BRUT Programm. Zu merken, dass man nicht alleine mit seinen Problemen und Bedenken ist. Da haben auch die Coachings sehr geholfen, da gab es viele Augenöffner, die wir bis heute behalten haben.

Was lehrt hingegen nur die Praxis?

Kathrin Bahr: Flexibilität. In der Umsetzung von Veranstaltungen ist das extrem hilfreich: Technik fällt aus, es gibt plötzlich eine Baustelle dort, wo man eine Bühne geplant hat. Da kann man viel Planen, am Ende braucht man Ruhe und Übersicht vor Ort und die Fähigkeit, mit den gegebenen Umständen zu handeln.

Julia von Wild: Sich in Strukturen einzuleben. Man braucht etwa sehr viel soziales Feingefühl um zu lernen, wer in einer Stadt mit wem kann, wen man besser nicht fragt oder nicht übergeht: wie das politische Klima einer Stadt ist. Das kann einem vorher keiner erklären.

Wo seht ihr eure unternehmerischen Stärken?

Julia von Wild: Unkonventionell zu denken, neue Einflüsse einzuholen und über Querverbindungen nachzudenken, zum Beispiel über Kooperationen. Da sind wir sehr offen.

Kathrin Bahr: Wir arbeiten als Team zusammen, können Menschen begeistern und zusammenbringen.

Ihr habt eure Unternehmensgründung erfolgreich hinter euch gebracht. Was empfehlt ihr jungen Gründern heute?

Julia von Wild: Sich zu vernetzen. Denn nichts geht ohne ein gutes Netzwerk. Offen zu sein für neue Impulse und zu schauen, was rechts und links des eigenen Elfenbeinturms passiert. Und sich Hilfe zu holen, wenn etwas mal nicht klappt – denn es geht ja allen so.

Kathrin Bahr: Die eigene Zielgruppe zu überprüfen und den Mut das eigene Produkt und die Ausrichtung anzupassen, wenn es mit der Idee nicht klappt. Denn die Idee am grünen Tisch funktioniert nicht immer am Markt.

Vielen Dank für das Gespräch!


Weitere Informationen zu Kreativwirtschaft und Coworking gibt es bei Kai Stührenberg, Tel.: 0421 9600 325, kai.stuehrenberg@wfb-bremen.de

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